Vor einem Jahr, wie mir gestern Nachmittag spontan bewusst wurde, war meine kleine Welt noch ziemlich
in Ordnung. Wir haben hier im Haus meiner Schwester gewohnt, klar, Geldsorgen, wegen der hohen Miete,
aber trotzdem irgendwie Sorgenfrei. Frisch & glücklich verheiratet, alles so, wie es sein soll.
Und ich sagte immer, das geht alles zu glatt !!!
Mit der Nachricht, dass wir es nun doch nicht übernehmen können das Haus und dem durch die Nachricht
verursachten Chaos, schlich sich irgendwie Ärger und Schuldbewusstsein ein in diese kleine Welt. Als das zum
ersten Male aufkam, dass wir ihr das Haus abkaufen können, waren wir noch nicht verheiratet., ja gerade erst
frisch dorthin gezogen, ursprünglich eher als Wohngemeinschaft, um meiner Schwester das Haus halten zu können.
Als das aufkam sagte er, mit etwas Hilfe seiner Familie könnte er das Haus sofort kaufen und wollte es auch tun.
Meine Schwester hatte einen neuen Freund, wollte die Insel verlassen und komplett neu anfangen und den Klotz "Haus"
loswerden. Deshalb bot sie uns das Haus zu ihrem Restschuldenpreis an, der zwar deutlich höher als ihr Kaufpreis aber
immer noch deutlich unter Marktwert war. Ich sagte jedoch, das Haus bleibt in der Familie. Zu dem Preis, noch dazu.
Wir bereiteten alles für den Kauf vor, heirateten, ich ging wieder arbeiten und wartete auf meine 3 Gehaltsmitteilungen
für die Bank. Ein paar Tage vor dem entscheidenen Banktermin sagte mir meine Schwester, inzwischen von dem neuen Kerl
getrennt, dass sie nun doch nicht mehr verkaufen wolle. Es folgten 2 ziemlich schlimme Monate. In denen ich sauer (und so
unsagbar enttäuscht von meiner Schwester war) Aber immer zu meinem Mann sagte, ich kläre das - das ist eine Familiensache
zwischen meiner Schwester und mir. Es war immer klar, dass wir das Haus so nicht halten können, mit dem Geld. Sollte der Kauf
scheitern, müssten wir weg, da es hier keine bezahlbare Alternative gibt. Und da ich ihr das niemals antun würde, geschweige denn,
mein gegebenes Wort ausgerechnet ihr gegenüber zu brechen, war ich eigentlich fest davon überzeugt, dass sie das Richtige tun
würde und wollte sie nicht von meinem Mann unter Druck setzen. Schlußendlich entschied sie sich für das Haus (mit dem Spruch:
"Ich wäre doch schön bescheuert, Euch das Haus für den Preis zu verkaufen!")
DAS hatte gesessen. Letztendlich hatte ich alles falsch gemacht und mich jederzeit immer auf die Seite meiner Sis und nicht auf die
meines Mannes gestellt. Gut, nun zeigte die Vergangenheit, dass wir noch so jede Beziehung überlebt haben und immer eine Einheit
waren, wir waren von Kindheit an darauf getrimmt, immer zusammenzuhalten und sie war/ist? eigentlich auch mehr eine beste Freundin.
Dass das beim Geld(wert) aufhört, hätte ich nicht gedacht.
Zumindest gab das den ersten Knacks in der Beziehung zu meinem Mann, auch wenn wir immer offen darüber geredet haben, warum ich
so handele, warum ich will, dass sie die Entscheidung alleine trifft und auch, dass ich mich im Ernstfall auf sie verlassen könne.
Nun stand also ein Umzug ins Haus. Und diesmal auch der Kauf eines Hauses. So etwas sollte uns doch nie wieder passieren, dass wir
samt Kids vertrieben werden. Klar, sie setzte uns nicht vor die Tür. Allerdings ist der Mietpreis für normalsterbliche wie uns auch mit
2 Haupt- und 2 Nebenjobs nicht zu halten gewesen und ausserdem wüsste sie ja nicht, ob sie es evtl doch mal für den Marktpreis veräussern
will. Sie wusste noch gar nicht, was damit geschehen solle, am liebsten behalten, aber nicht unter Marktpreis weg.
Da hier nix zu finden ist und es auch immer schlimmer wird und mein Mann (dem gegenüber ich ja eh noch ein schlechtes Gewissen hatte)
auf einem Bauernhof groß wurde, sahen wir uns also auf dem benachbarten Kontinent um, entdeckten unser Haus und stürtzen uns voller
Tatkraft rein. Natürlich wollte ich hier nicht weg, niemals. Habe jahrelang gekämpft, immer. Und doch nun verloren gehabt.
Jetzt? Jetzt ist das so. Wir haben uns mehr Arbeit gekauft als alles andere. Meinen Job kann ich nicht mehr machen, weil ich es zeitlich mit
der Zwischenfahrererei nicht schaffe, da der Junior auf eine Schule geht, wo ich ihn morgens noch hinfahren muss. Und ich es nie schaffen
würde, pünklich zur Arbeit zu kommen, geschweige denn, auf meine Stunden zu kommen, weil er ja auch wieder abgeholt werden soll.
Gut, ich kann nun nicht unbedingt sagen, dass ich dem Job sooo nachtrauere, aber es fehlen mir die Kollegen. Das Geschnatter und Gezanke,
ich mochte sie. Hier bin ich allein auf dem Hof. Meine sozialen Kontakte besteht aus der netten Frau an der Baumarktkasse sowie der stets
nörgeligen Kindergartentuse, die mich in schöner Regelmäßigkeit wegen irgendetwas faltet.
Ich weiß, es ist unfair, aber ich bin so eifersüchtig auf meinen Mann, der 2 Wochen im MOnat in meinem Dorf arbeitet mit seinen Kollegen.
Der etwas anderes sieht, als den Hof im Wintergrau und dessen Leben nicht nur aus Kinderfahren, Holzofen, putzen und weiterrenovieren besteht.
Ich will es ja gar nicht, ich bin es trotzdem.
Nur muss einer auf dem Hof bleiben und bei seinem Job wäre es irre, das aufzugeben. Um annähernd das gleiche Geld ranzuschaffen, müsste ich
von Morgens bis Abends, ja eher rund um die Uhr, arbeiten gehen. Was ja schon wegen der Kids nicht geht. Es ist vernünftiger so, wie alle meine
Entscheidungen nur noch vernünftig sind.
Dennoch fehlt es mir so, mein gewohntes Leben auf dem Inselchen mit all seinen Bekloppten. Bis auf die Touristen, die vermisse ich NICHT IM GERINGSTEN!!
Dieses Zusammensein. Das "schnell mal über die Straße huschen". Im halben Dorf mit einem "Hallo" selbstverständlich ein und aus gehen. Hier
gibt es nicht mal Dorf. Kurzfristige Partys oder Frühstücke. Zusammen an den Strand gehen. Überhaupt. Das Meer ist weg. Mein Meer.
Hier höre ich Kühe brüllen und Wiesel trippeln statt der Wellen rauschen. Es riecht nach Gülle und nicht nach Meer. Wo bin ich nur gelandet?
Ich bin nicht glücklich.
Nicht mal zufrieden.
Momentan bin ich noch halb in der Schönredungsphase, halb schon in der Resignation.
Ich will dem ganzen hier eine Chance geben, mag nicht aufgeben. Und wie sollte das auch gehen? Ich will meinem Mann nicht seinen Traum nehmen
mit dem Hof, wo meiner doch eh schon weg ist. Nun ist mal er dran.
Große Schuld hat natürlich der Winter, so rede ich es mir ein. Lass nur endlich die Sonne kommen, dann sieht es hier auch nicht mehr so schlimm aus.
Lass es draußen endlich warm und grün werden, dass ich mal wieder Sonne tanken kann. Dieses trübe oder gar wochenlang nur Nebel macht mich fertig.
Dazu die Umbauerei. Klar, macht es Spaß, ich mache sowas ja gerne. Dennoch. Es muss auch mal fertig werden. Ich kann nur weitermachen oder hier den
Haushalt schmeißen. Entweder oder. Für 2 Tage hier vorankommen ist das Haus im Chaos. Das aufarbeiten, aber wohin? Es ist ja noch gar nicht alles fertig!
Ich schiebe hier die Dinge noch hin und her. Der Dachboden, die Zwischenlagerung, ist leider undicht gewesen im Winter und ein Schneesturm hat einen
Teil der Sachen vergammeln lassen.
Am allerschlimmsten ist vielleicht, dass wir uns voneinander entfernen. Nicht so, dass wir uns nicht mehr wollen. Nur steckt da der Wurm drin.
Wir sind (im Bauen und Planen) ein tolles Team. Ich kann auch nicht sagen, ich wäre in irgendeiner Form unglücklich mit ihm. Im Gegenteil. Doch es ist
nach all dem, was war, ein Rumgeschleiche und Geeiere. Auch wenn wirdarüber reden . Es beide ändern wollen. Irgendwie will es nicht gelingen.
Die Leichtigkeit ist weg. Und je mehr wir uns bemühen, umso krampfiger wird es.Ich habe mich die ganze Zeit auch immer bemüht, ihn nicht merken zu
lassen, wie unglücklich ich hier eigentlich wirklich bin, bis ich neulich platzte. Was ihn natürlich nur noch unsicherer machte. Ja, wir reden. Aber es hilft nicht
wirklich.
Ich hoffe nun auf Sonne. Und mal vielleicht etwas Zeit für uns. Ohne Bau, ohne Haus, ohne Kids und Hunde. Das gibt es nicht mehr. Wenn meine Kinder ihren
Papatag haben und weg sind, ist seiner hier. Und somit können wir nicht vom Hof weg. Sowieso muss einer hier sein wegen allem. Somit gehen wir nur noch
getrennt aus, oder eben gar nicht. Aber ich muss, ich muss, ich muss hier mal weg! Ich fühl mich hier so eingesperrt und trotz allem, was ich hier mache
nutzlos und ungebraucht. Ich möchte eine Aufgabe, mehr als Kinder und Hof. Ich würd auch so gern mein eigenes, festes Geld nach Hause bringen. Es ist mir
so unangenehm, "nur-Muddi" zu sein. Das bin ich nicht und wollte ich nie. Wenn ich denn manchmal nach Hause komme, ist es zum arbeiten, sowie die letzten Tage.
Wo ich auf die Schnelle diverse Kaffeetrinken veranstalte, um allen gerecht zu werden. Was natürlich nicht geht. Es fängt auch grad an, dass ich aus vielem einfach
"raus" bin. Klar, niemand fragt mich, ob ich jetzt mal eben spontan vorbeikomme zum Sit-in. Wissen sie doch, dass ich es eh nicht kann. Erfahren tue ich es trotzdem
und muss schlucken. Ich habe schon Tode und Trennungen verpasst und bin eben allgemein nicht mehr auf dem neusten Stand. Klar war das klar, aber es fühlt sich
dennoch blöd an.
Ich werde einen Weg finden müssen, damit umzugehen. Ich hätte ja auch eine Idee, doch da fehlt es leider an Geld das so umzusetzen, wie ich das möchte.
Der Umbau hat Unsummen verschlungen, von denen wir nicht einmal etwas ahnten im Vorfeld. Doch so sei es meistens, heißt es. Ich werde versuchen
(müssen) hier neue Freunde zu finden. Doch wie, bin ich doch ständig an den Hof gekettet?
Es nutzt nix, irgendwie wird es weiter gehen, das ist noch immer so gewesen.
Paulaline - 16. Apr, 07:33